Kurze Vorgeschichte

Heute war kein guter Tag für mich. Nichts ist nach Plan gelaufen, es gab einige schlechte Nachrichten und mein langersehnte Mama-Auszeittag ist auch auf der Strecke geblieben. Dementsprechend mies gelaunt war ich. Bis zum Schlafen gehen. Da hat unser “So gut wie Teenie”-Sohn einen Satz gesagt, der bis vor Kurzem völlig unvorstellbar aus seinem Mund gewesen wäre und der mich instantmäßig glücklich gemacht hat.

Es ging dabei ums Lesen.

Jetzt könnte man sagen, dass das doch nichts allzu Außergewöhnliches sei.  Klar, manche Schüler in diesem Alter haben andere Vorlieben, Lesen kann da auch ganz uncool sein. Wieder andere sind schon viel früher unaufhaltsame Leseratten. Für mich ist sein Satz etwas Magisches, ein Geschenk schöner als alles andere. Etwas, was mich tief drinnen berührt.

Warum bewegt mich das so?

Weil das Lese-Thema bei unserem Sohn lange Zeit schwierig war. In einem Alter, in dem andere bereits dicke Romane wälzen, wollte unser Sohn immer noch partout nichts von Lesen (und Schreiben) wissen. Das war besonders für mich eine große Herausforderung. Zum einen, weil ich selbst gerne lese und meine Liebe zum geschriebenen Wort gern weiter gegeben hätte. Zum anderen, weil die Umgebung, die Familie und Freunde immer wieder kritische Kommentare zu Lese- und Rechtschreibkompetenzen fallen ließen und mein Vertrauen in ihn und den Prozess doch ganz schön auf die Probe gestellt haben.

Mein Sohn und ich haben viele Gespräche dazu geführt, das letzte erst vor wenigen Monaten. Ich habe ihm offen gesagt, was meine Sorgen und Ängste sind, denn ganz besonders habe ich mich davor gefürchtet, dass es ihm vor anderen peinlich sein könnte, dass er nicht schnell genug lesen und schreiben kann und er diese Tatsache dann zu verstecken versucht, weil er sich dafür schämt. Und damit erst recht nicht in den Lese-oder Schreib-Fluss kommt.

Was sagt denn die Fachliteratur dazu?

Regelmäßig habe ich dann Beiträge in diversen Freilerner-Foren, Gruppen und einschlägigen Büchern auch zu den Themen Gehirnentwicklung, Hirnforschung und Psychologie studiert, in der Hoffnung, dass meine Ängste sich damit besänftigen lassen würden. Fast alle Eltern von älteren Kindern und Jugendlichen, die sich frei und selbstbestimmt bilden, berichten davon, dass ihr Nachwuchs entweder sehr früh, oder sehr spät zu lesen begonnen hätte.

Aber dass diejenigen, die Spätstarter waren, innerhalb allerkürzester Zeit alles aufgeholt hätten. Dass jeder seine eigene Zeit hat, man auf den richtigen Zeitpunkt vertrauen darf.  Lesen und Schreiben als Kulturtechniken immer und überall um uns seien, daher würden sie früher oder später das Interesse des Heranwachsenden wecken. Die Neugierde entfachen. Auch hier der Schlüssel zu allem das Vertrauen in das Kind und seinen eigenen Entwicklungsplan sei.

Aber was kann ich tun?

Kurzfristig hat das zwar geholfen, aber die Stimmen in meinem Kopf ließen sich damit nie ganz abstellen, zu sehr bin ich immer noch geprägt von meiner eigenen Schulerfahrung und der Sorge, als Eltern zu versagen. Waren wir verantwortungslos, wenn wir ihn mit zehn immer noch nicht zur Diagnose “Lese- und Rechtschreibschwäche” geschickt haben? Überbürden wir ihn mit der Verantwortung für sein eigenes Lernen? Übersehen wir etwas, was ein Spezialist vielleicht entdeckt hätte? Braucht er einfach nur eine Brille (keine Sorge, er sieht wie ein Adler!), Motopädagogik oder sonst eine Zauberformel, damit er ENDLICH loslegt und mit Freude liest und schreibt?

Überall allerdings stand auch, wie wichtig in der Familie die Beziehung zu Texten, Geschichten etc. für das eigene Leseverhalten ist – die Vorbildwirkung eben mal wieder. Schon sehr früh hat er seine Liebe zu Büchern kultiviert, Vorlesen und Bücher anschauen waren immer eine seiner großen Freuden. Zahllose Stunden haben wir damit verbracht, Geschichten zu erzählen, zu erfinden und weiter zu spinnen, Bildgeschichten zu zeichnen, in die Bücherei zu gehen.

Alles habe ich versucht, damit ich ihm die Sache mit dem eigenen Lesen (und Schreiben) irgendwie schmackhafter machen kann: eine eigene Mailadresse, Brieffreundschaften, Zeitschriften zu seinen Lieblingsthemen, Chats, und und und. Alles hat ihn kalt gelassen. Denn SEIN richtiger Zeitpunkt war noch immer nicht da.

Zum Glück habe ich einen Mann, er viel geduldiger ist als ich, ein Netzwerk, dass ich zu dem Thema befragen kann und Freunde, die mir unermüdlich zuhören, wenn ich etwas auf dem Herzen habe. Und einen Sohn, der noch “dickschädliger” ist als seine Mutter und sich von ihrer Ungeduld nicht beeindrucken lässt. Heute bin ich froh und überaus dankbar, dass wir ihn nicht pathologisiert haben, denn die Liebe zum Buch (oder Kindle usw.) erwächst nicht aus den vorgeschriebenen Pflichtlektüren, den erzwungenen Leseübungen, den phantasielosen, endlos wiederholten Aufsatz-Aufgaben.

Was ist es denn, dieser Bücher-Zauber?

Das Entdecken dieser geheimen Welt im eigenen Kopf, das Staunen über die Buntheit der Bilder, die vor dem inneren Auge vorbei ziehen, diese Parallel-Universen, die das Abtauchen in eine Bücherwelt bietet. Das alles ist zutiefst intim, einzigartig und sehr individuell.

Heute sehe ich im Rückblick, wie diese zarte Pflanze gewachsen ist, und immer noch täglich größer wird. Wie er sich all das auf seine ganz eigene Art angeeignet, erobert hat. Wie seine Liebe zur Literatur im Stillen reifen durfte, sein Vertrauen in seine eigenen Fähigkeiten Raum gebraucht hat.

Wie das unverdorbene Vergnügen, die Spannung, die Neugier sein Leseverhalten nachhaltig geprägt hat, sodass…

…er heute mit seiner Schwester noch lange nach der offiziellen Schlafenszeit mit der Taschenlampe im Bett liegt und über den Fortgang der Geschichte fiebert.

…er es nicht erwarten kann, den nächsten Teil des Abenteuers (aktuell ganz klassisch Harry Potter) auszuleihen.

…er über der Spannung über das Gelesene ganz auf Essen und Trinken vergisst.

…er uns minutiös und atemlos alle Details nacherzählt.

…die Kinder im Hogwarts-Fieber alles Gelesene im Rollenspiel nach-leben und be-greifen und es damit zu ihrem ganz Eigenen machen.

Sodass er heute diesen einen Satz sagen kann, der zwar wie unser Verdienst klingt, in Wahrheit aber sein ganz eigenes und ein unwiderrufbares Vermögen ist:

Danke, dass ihr mir die Freude am Lesen gezeigt habt.

Danke, J.K. Rowling.

 

von Karin, http://mitanandahof.com/?p=3338